Nach ersten Protestaktionen zu Jahresanfang und einer
mehrmonatigen Gesprächspause hat der Rat der Ureinwohner der Insel
Sachalin im russischen Fernen Osten am Mittwoch den 22. Juni
angekündigt, dass ab dem 28. Juni 2005 weitere Protestaktionen und
Besetzungen stattfinden sollen. Die Proteste richten sich gegen
den Ölkonzerne Exxon Ltd. und das Konsortium "Sakhalin Energy", an
welchem unter anderem der niederländisch-britische Konzern "Shell"
beteiligt ist. Gleichzeitig hat die Europäische Bank für
Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) dem Projekt einen schweren
Schlag versetzte, indem sie die Ölkredite für Shell vorerst
eingefroren hat.
Die Konzerne unterhalten auf der fernöstlichen Insel die Projekte
"Sachalin I" und "Sachalin II", in deren Rahmen gigantische
Offshore-Ölvorkommen ausgebeutet werden. Ureinwohner und Ökologen
befürchten, dass der Pipelinebau durch das Inselinnere in einer
der seismisch aktivsten Regionen der Erde mit einer hohem Risiko
großflächiger Ölverseuchungen der Fischgründe verbunden
ist. Zudem werden Migrationsrouten der Tiere gestört,
Fischvorkommen an der Küste wurden durch Explorationsarbeiten
bereits massiv geschädigt. Umweltschützer fürchten zudem das
mögliche Ende der etwas mehr als 100 Grauwale, die in den
Gewässern bei der Insel leben.
Protestaktionen von Ureinwohnern sind in der an Zivilgesellschaft
armen Russischen Föderation eine ausgesprochen seltene
Erscheinung. Daher erregten bereits die ersten Straßenblockaden,
die Ureinwohner und Umweltschützer im Winter bei minus 30 Grad
durchführten, breites Aufsehen. In die anschließenden
Verhandlungen wertet der Vorsitzende des Ureinwohnerrates, Alexej
Limanso, als reine Verzögerungstaktik. "Zwei Monate lang haben wir
uns nicht einen Schritt auf die Lösung der Probleme zubewegt",
erklärte er. Der von Shell vorgelegte Entwicklungsplan sei
unzureichend. Zudem habe der Konzern die Kernforderung nach einer
unabhängigen ethnologischen Untersuchung der Projektauswirkungen
auf die Ureinwohner vollkommen ignoriert. Der andere beteiligte
Global Player, Exxon, habe überhaupt keine Vorschläge vorgelegt,
sagte Limanso. Daher seien die jetzt geplanten Proteste das
einzige verbliebene Mittel um die eigenen Interessen
durchzusetzen. Gleichzeitig mit den lokalen Straßenblockaden sind
Solidaritätsaktionen in Moskau und New York geplant.
Bereits am 19. Juni berichteten westliche und russische Medien
davon, dass die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
(EBRD), einer der wichtigsten Finanziers des Sachalin-II-Projekts
die an Shell zugesagten Ölkredite eingefroren hat. Im privaten
Gespräch hätten sich EBRD-Vertreter schockiert darüber gezeigt,
dass die Lage rund um die Bauarbeiten zunehmend außer Kontrolle
gerate, berichtet der britische "Oberserver". Ein Sprecher
erklärte, das Projekt sei derzeit nicht im Einklang mit der
Politik der Bank und den Verpflichtungen des Unternehmens.
Wegen ihrer Förderpolitik stand die EBRD selbst lange Zeit in der
Kritik von Umweltschützern, die der Entwicklungsbank vorwarfen,
nicht einmal die von der Weltbank gesetzten Mindeststandards einzuhalten.
