Ölförderung bedroht Nenzen

Drittes CHUM Meeting in Hundested/Dänemark Der Tschum ist das Tipi-ähnliche Zelt der Rentiernomaden Sibiriens, ein Ort des Lebens, der Begegnung und Diskussion. Von ihm abgeleitet ist auch der Name des dritten internationalen CHUM-Meetings, das vom 22. bis 24. Oktober 2002 im dänischen Hundested abgehalten wurde. Das CHUM-Netzwerk ist ein informeller Zusammenschluss europäischer NGOs und WissenschaftlerInnen zur Unterstützung der indigenen Völker Sibiriens, des russischen Nordens und Fernen Ostens. Seit der Gründung des Netzwerks im Jahre 1999 ist infoe maßgeblich an seiner Koordination beteiligt. Zum Treffen im dänischen Hundested, dem Geburtsort des Arktisforschers Knud Rasmussen hatte die Dänische NGO infonor geladen. Zwei Themen beherrschten die Diskussionen: das bedrohliche Ausgreifen der Erdölindustrie auf die Nenzenregion westlich des Urals und die Frage von Kooperation oder Konfrontation zwischen indigenen Völkern und staatlichen Naturschutzbehörden. Hunger durch Naturschutz? Von den Kommandeursinseln, die zur Aleutenkette gehören, berichtete Vladimir Dobrynin, dass die Einrichtung eines Biosphärenreservats unter Beteiligung von UNESCO und der Umweltschutzorganisation WWF die indigene Bevölkerung an den Rand des Ruins gebracht habe. Der Zugang zum wichtigsten Grundnahrungsmittel Fisch ist seit einigen Jahren bedrohlich eingeschränkt worden. Den UreinwohnerInnen ist es verboten, die ohnehin zu geringen Quoten selbst zu fischen. Stattdessen werden indigene Gemeinschaften genötigt, mit privaten Firmen Verträge abzuschließen, die den Fischfang durchführen und einen erheblichen Teil des Fangs zur kommerziellen Vermarktung einbehalten. Daneben werden den Indigenen oft willkürlich völlig unzugängliche Jagd- oder Fischplätze zugeteilt. Obwohl infoe bereits 1997 dem UN-Ausschuss über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte über die skandalösen Verhältnisse auf den Kommandeursinseln berichtet hat, erwähnt die Website der UNESCO nicht einmal die bloße Existenz Indigener im Gebiet des Biosphärenreservats. Dies zeigt deutlich, dass weder solche Reservate noch die Beteiligung internationaler Organisationen a priori eine sichere Garantie für den Schutz der Rechte indigener Völker darstellen. Ähnliche Verhältnisse herrschen auf der Halbinsel Kamtschatka, wo die meisten Indigenen ebenso gezwungen sind zu „Wilderern" in ihrem eigenen Land zu werden, um Hunger und Unterernährung zu vermeiden. Eine andere Sicht der Dinge vermittelte Andrej Glotov, Leiter des Nenetskij-Naturschutzgebiets im Norden des westlich des Urals gelegenen Autonomen okrug der Nenzen. Er legte großen Wert auf die Feststellung, dass die indigenen Rentierzüchter seines Gebiets in der sowjetischen Epoche die nachhaltige Nutzung der Weideländer „verlernt" hätten, weshalb heute staatliche Aufsicht und Reglementierung unabdingbar seien. Selbst wenn dieses Argument nicht völlig von der Hand zu weisen ist, so kann die Lösung des Problem jedoch nicht im fortgesetzten staatlichen Dirigismus liegen. Wer ist indigen? Als konfliktträchtig erwies sich auch die Frage nach dem rechtlichen Status indigener Völker in der Russischen Föderation. Galina Fjodorova, Mitglied der Duma, des russischen Bundesparlaments, berichtete über neue Entwicklungen in der Gesetzgebung zu Landrechten, indigenen Gemeinschaften (obschtschiny) und Ressourcen. Sehr schnell wurde deutlich, dass dass das russische Konzept „zahlenmäßig kleiner indigener Völker" wenig mit dem Selbstverständnis zu tun hat, das in der internationalen Diskussion mit dem Begriff „indigen" verbunden wird. Aus den postsowjetischen Pässen der russischen BürgerInnen ist vor wenigen Jahren der Eintrag „Nationalität" ersatzlos gestrichen worden. Was einerseits für Angehöriger tendenziell diskriminierter Gruppen (Tschetschenen, Juden u.a.) einen gewissen Schutz vor Diskriminierung bietet, hat andererseits für Angehörige der indigenen Völker des Nordens zur Folge, das es keinerlei „objektiven" Nachweis über ihre ethnische Zugehörigkeit mehr gibt. In der Folge bezieht sich jegliche indigenen-spezifische Gesetzgebung allein auf Menschen, die weiterhin einer traditionellen Lebens- und Wirtschaftsweise nachgehen. Dass eine solche Einschränkung im Widerspruch zur internationalen Praxis steht und dass eine „indigene Identität" sich nicht auf Wirtschaftsweisen reduzieren lässt, stieß bei der Abgeordneten auf wenig Verständnis. Weitere Expansion der Ölindustrie Dass russische und internationale Ölkonzerne in rasantem Tempo in immer weitere Gebiete vordringen, zeigte der Vortrag von Vladislav Peskov von der nenzischen Selbstorganisation Jasavej. Während das Kernland der Ölförderung bislang östlich des Urals lag in den autonomen Gebieten der Chanty und Mansi sowie im Gebiet der Jamal-Nenzen, entwickelt sich mittlerweile auch die westuralische Nenzen-Region zum neuen Öl-Dorado. Neben russischen, französischen und nordamerikanischen Ölkonzernen sind auch internationale Finanzinstitutionen wie die Europäische Investitionsbank (EIB) mit von der Partie. Anders als die Weltbank verfügt die EIB bislang weder über bindende Umweltstandards noch über eine Indigenen-Politik. Wenn auf die EIB nicht erheblicher Druck ausgeübt wird, steht zu befürchten, dass sich westlich des Urals dieselbe desaströse Entwicklung wiederholen wird, die schon Chanty und Jamal-Nenzen eines großen Teils ihrer natürlichen Lebensgrundlage beraubt hat. Das CHUM-Netzwerk Zwischen den unregelmäßig abgehaltenen CHUM-Meetings wird die Kommunikation zwischen den TeilnehmerInnen mittels der Mailingliste CHUM-L aufrechterhalten, die von INFOE betreut wird. Die Archive der Liste sowie die Möglichkeit zum Beitritt finden Sie unter http://www.listserv.dfn.de/archives/chum-l.html