Von Lena Galley

Wie können Austausch und Integration trotz vermeintlicher Grenzen gelingen? Ist es möglich, über Unterschiede hinweg gemeinsame Identitäten zu finden? Und was hat Umweltbewusstsein eigentlich damit zu tun? Diesen Fragen widmeten wir uns am Dienstag, den 21. April 2026, in unserer Online-Einführung zur Multiplikator*innen-Schulung zum Thema „BNE lokal und global durch Integration von indigenem Wissen“.

Klimawandel, Umweltbewusstsein und die Bedeutung von Regenwald wirken für viele in Deutschland weit weg – nicht greifbar. Doch Karmen Heup, eine Lehrerin an der Goetheschule in Essen, bringt diese Themen Jugendlichen der Klassen 9 bis 10 näher. In einem kurzen Vortrag berichtete Karmen Heup von ihrer Zusammenarbeit mit der indigenen Karen-Gemeinschaft (Pgaz k’Nyau) aus Thailand und dem Austausch zwischen Schüler*innen der Goetheschule und Karen-Schüler*innen der Khun Mae Yod Schule. Sie gab Einblicke, wie indigenes Wissen im deutschen Unterricht miteinbezogen werden kann und welche Bereicherung transkulturelle Begegnungen für Jugendliche sind. Anhand von Geschichten der Karen werden alltägliche Einblicke in ökologische Anbau- und Landwirtschaftsmethoden an die deutschen Schüler*innen gegeben. Aber besonders durch den direkten Kontakt via Videokonferenzen mit Gleichaltrigen der Karen erhalten die Jugendlichen beider Gruppen einen Bezugspunkt zu Lebensformen, die weit weg erscheinen. Klimaeinflüsse auf den Regenwald sind nicht mehr ausschließlich etwas aus dem Fernsehen, sondern werden plötzlich real.

Bevor sich die Schüler*innen per Video im Klassenraum persönlich kennenlernen, werden sie auf das Treffen vorbereitet. Themen und Fragen werden erstellt, die Schüler*innen ansprechen möchten. Tabus werden diskutiert und welche Umgangsmöglichkeiten es mit ihnen gibt. Zeitgleich werden die Schüler*innen dazu angeregt, Stereotype und problematische Begriffe, wie z.B. ‚Stämme‘ oder ‚Ureinwohner‘, zu hinterfragen. Doch im Verlauf der Unterrichtsstunden beobachten die Jugendlichen selbst, dass sich viele Vorurteile gegenüber indigenen Menschen und Lebensweisen gar nicht bestätigen und dass es auch bei Indigenen

®Karmen Heup: Folie zu Schülerarbeit aus Präsentation

Verschiedenheiten existiert. Nach den digitalen Treffen werden die Begegnungen nachbereitet – ein wichtiger Teil der Unterrichtseinheiten, um neue Informationen, Blickwinkel und Missverständnisse aufzuarbeiten. Karmen Heup erzählt, dass sie oft Perspektivwechsel bei ihren Schüler*innen beobachtet, dass sie anfangen ihre eigenen Lebensrealitäten kritischer zu betrachten, koloniale Stereotype hinterfragen und auch das Konzept des Handelns als Individuum anstatt als Gemeinschaft überdenken. Zusätzlich werden sie neugieriger auf ökologische Landwirtschaft und nachhaltiges Leben – entwickeln ein sensibleres Umwelt- und Naturbewusstsein.

Als Vertreter*innen der Karen waren die Mitarbeiterin der Pestalozzi Children Foundation in Thailand1 mit Sitz in der Schweiz2, 4 Suraporn Suriyamonton (Su) und die Projektkoordinatorin des SEED-Projekts an der Tak Border Child Assistance Foundation Songkran Hathaipasorn sowie der Dozent und Künstler-Aktivist Dr. Suwichan Phatthanaphraiwan (Chi) der Universität Mae Fah Luang in unserer Online-Einführung zu Gast. Das SEED-Projekt3 stellt interkulturelle Bildung und erstsprachigen Unterricht in den Mittelpunkt, wodurch die Rolle von Gemeinschaften und Fachleuten sowie die Einbindung von indigenem und lokalem Wissen in der öffentlichen Grundbildung gestärkt werden.

Su und Chi, gehören selbst zur Karengemeinschaften und wuchsen in Nachbardörfern auf. Schon 2024 besuchte Su selbst die Goetheschule in Essen. Damals erzählte sie von der Bedeutung des Ökosystems aus einer Sicht der Karen-Gemeinschaft. Und 2025, teilte Chi bei einer virtuellen Begegnung mit den Schüler*innen der Goetheschule Karen-Geschichten, -Wissen und -Musik.

Nun stellten sie uns zusammen mit Songkran das Konzept der Intercultural Education (IE, Interkulturelle Bildung) vor und zeigten, wie es die Integration von Karen-Kindern im Schulalltag und in der thailändischen Mehrheitsgesellschaft unterstützt. Ein Konzept, das vermutlich auf viele Gesellschaftskonstellationen übertragbar ist und auch an anderen Pestalozzischulen weltweit4 angewendet wird.

Viele Karen erleben schon im Kindesalter Schwierigkeiten, sich in der Mehrheitsgesellschaft dazugehörig zu fühlen. Gerade im Schulsystem stoßen sie auf systematische Hürden wie Sprachbarrieren, Bürokratie und soziale, kulturelle und finanzielle Ungleichheiten. Um diese Hürden zu überwinden, bietet das IE-Konzept einen Ansatz, marginalisierte Gruppen in die Mehrheitsgesellschaft einzubinden. Dabei bedeutet „interkulturell“, dass sich Menschen einander auf Augenhöhe begegnen, miteinander und voneinander lernen und bestehende Machtstrukturen im Idealfall überwinden. Im Unterschied dazu steht das multikulturelle Leben, bei dem verschiedene Kulturen weitgehend nebeneinander existieren, ohne in einen intensiven Austausch zu treten. Aber auch beim kreuzkulturellen Zusammenleben entstehen zwar Kontakte und soziale Verbindungen zwischen den Kulturen, doch dominierende Machtverhältnisse bleiben bestehen.

Um in Schulen kreuzkulturelle oder sogar multikulturelle Bildungsungleichheiten langfristig zu überwinden, ist das sinnstiftende Lernen, das zum interkulturellen Lernen verhelfen soll, ein Ansatz. Dabei ist mehrsprachiger Unterricht ein zentraler Aspekt, dass neben der Amtssprache, wie z.B. Thai, auch andere Erstsprachen im Unterricht verwendet werden. Dies ermöglicht beispielsweise Karen-Kindern, Inhalte besser zu verstehen und mit ihrer eigenen Lebensrealität zu verbinden. Ebenso wichtig ist die Einbindung kultureller Identitäten durch gemeinsames Lernen und Begegnungsräume für Kinder verschiedener kultureller Hintergründe. Auf diese Weise werden interkulturelle Kompetenzen gefördert, Zugehörigkeit, Stolz auf eigene Herkunft und Selbstbewusstsein gestärkt und Vorurteile abgebaut. Damit diese Veränderungen aber langfristig wirken, sind zudem strukturelle Anpassungen notwendig, um besonders bürokratische Hürden für Integration zu bewältigen. Dazu gehören unter anderem Anpassungen bei Bewertungssystemen, um den Zugang zu weiteren Bildungswegen zu ermöglichen.

Im Prozess hilft die IE, von einer ich-bezogenen Identität über fünf Phasen in eine Wir-Identität zu transformieren. So beginnt z.B. ein Kind mit der eigenen Identitäts- und Zugehörigkeitsfindung, um Selbstvertrauen zu entwickeln. Songkran und Chi betonten stark, dass es für Karen-Kinder sehr wichtig ist, dass sie ihre eigene Kultur zunächst verstehen lernen, wertschätzen können, um Selbstbewusstsein und Urvertrauen festigen zu können. Im Austausch mit anderen Kindern beginnt die Ich-Du-Phase, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufdeckt. In der Du-bezogenen Phase werden die Rechte anderer Kinder anderer Herkünfte anerkannt und sogar eingefordert, bis es zur Du-Wir-Phase kommt, in der Diskriminierungsstrukturen wahrgenommen und Wege gesucht werden, wie diese überwunden werden können. Am Ende gelangen die Kinder in die Wir-Phase bzw. empfinden eine Wir-Identität. Diese Phase erzeugt gemeinsame Zugehörigkeiten und führt zu einem gleichberechtigten und friedvollen Zusammenleben.

An der Schule in der Tak-Region werden diese Ansätze z.B. durch mehrsprachige Schulmaterialien und durch die Integration von Spielen, die ihre eigentlichen Ursprünge in alltäglichen Werkzeugen der Karen haben, unterstützt. So lernen Kinder beispielsweise auf Stelzen zu gehen, die eigentlich zum Überqueren von Schlammfeldern bei den Karen genutzt wurden. Dabei lernen sie etwas über ihre eigene Kultur, teilen diese mit Kindern anderer Herkünfte und bauen gegenseitige Empathie beim gemeinsamen Spielen auf.

Abschließend beschreiben Su, Chi und Songkran:

„Intercultural Education ensures everyone feels respected, deeply understands their own identity, and possesses the confidence to communicate their true selves. It builds a safe, inclusive atmosphere where Tak Province’s diverse communities can thrive together in lasting peace.“

Und es erscheint nicht nur ein Konzept zu sein, das ausschließlich in der Tak-Provinz Ungleichheiten angeht, sondern global Grenzen überwinden und zu einem friedvolleren Zusammenleben verhelfen kann.

Links:

1Pestalozzi Children Foundation in Thailand: https://www.pestalozzi.ch/de/projekte/weltweit#suedostasien

2Pestalozzi Children Foundation in der Schweiz: https://www.pestalozzi.ch/de

3Seed-Project/ Tak Border Child Assistance Foundation: https://tbcaf.org

4Pestalozzi Multilinguales Lehrkonzept:
https://www.infoe.de/wp-content/uploads/Culturally-Diverse-Paths-for-ESD_Su-FINAL.pdf