Am 17. Juni 2026 hatten die Schüler*innen einer 9. Klasse der Goetheschule Essen im Rahmen eines Online-Austauschs die Gelegenheit, mit einem spirituellen Führer des Volkes der Karen zu sprechen. Bereits im Vorfeld hatten sie zahlreiche Fragen gesammelt, auf die Siwakorn im Gespräch ausführlich einging. Er berichtete von der Lebensweise der Karen, ihrem animistischen Glauben sowie von Ritualen zu Ehren verschiedener Geister, etwa des Wasser-, Berg- oder Feuergeistes.
Die enge Verbundenheit mit der Natur ist ein zentrales Element der Kultur der Karen und prägt ihre gesamte Lebensweise. So wird bereits kurz nach der Geburt durch das Anbringen der Nabelschnur an einem Baum die Verbindung jedes Kindes zur Natur symbolisch hergestellt. Wissen und kulturelle Praktiken sind in Ritualen und Erzählungen verankert und werden auf diese Weise an Kinder und Heranwachsende weitergegeben. Älteste und spirituelle Führer sind in den Schulunterricht an Karen-Schulen eingebunden und vermitteln dort traditionelles Wissen und kulturelle Werte.
Nach dieser Einstimmung in die Kultur der Karen versammelten sich am 25. Juni 23 Schüler*innen der Goetheschule Essen, des Ricarda-Huch-Gymnasiums und des Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasiums in der Bildungsbox des Krefelder Zoos, um im Rahmen einer Outdoor-Schüler*innen-Akademie durch Geschichten und Storytelling mehr über die Karen in Thailand und deren Beziehung zur Natur zu erfahren.
Der Tag begann für die Schüler*innen mit einer Führung durch das Regenwaldhaus des Zoos. Gaby Borg, Biologin und Bildungsreferentin des Krefelder Zoos, bot eine anschauliche Einführung in das Natursystem Regenwald. Sie zeigte den Schüler*innen die unterschiedlichen Pflanzen und Lebewesen, die dort beherbergt sind, und erklärte die symbiotischen Beziehungen, die diese miteinander führen. Der Besuch im Regenwaldhaus stimmte die Schüler*innen auf die natürliche Umgebung der Karen sowie auf ihre eigenen Verbindungen zur Natur ein.
Trotz der geografischen Distanz des Regenwaldes wurde dessen unmittelbare Bedeutung für das eigene Leben spürbar. Denn der Regenwald, so erklärten die Schüler*innen auf Gabys Nachfrage, stabilisiert das Klima der ganzen Erde, reguliert den Wasserhaushalt und sorgt für saubere Luft. Gaby demonstrierte die Relevanz des Regenwaldes jedoch auch auf humorvolle Weise, als sie vor einem Kakaobaum stehend in die Runde fragte: „Wer von euch isst gerne Schokolade?“ Alle Hände gingen hoch und Gaby sagte mit einem Lächeln: „Ohne den Regenwald keine Schokolade.“
Zurück in der Bildungsbox berichteten die Schüler*innen der Goetheschule, die mit der Lebensweise der Karen dank ihrer langjährigen Partnerschaft mit der Mae-Yod-Schule bereits vertraut waren, von ihrem Austausch mit Siwakorn, einem spirituellen Führer der Karen. Dabei demonstrierten sie, wie bei den Karen kulturelles Wissen und Naturschutz ineinandergreifen. Auch erklärten sie die Funktionsweise des Rotationsanbaus, der zentralen Anbaumethode der Karen.
Inspiriert von diesen Erzählungen erarbeiteten sich die Schüler*innen in Kleingruppen verschiedene Geschichten der Karen. Darunter waren die Geschichte von Frau Frosch und Frau Reh sowie der Karen-Comic Let’s Go Back Home vertreten, die manchen Leser*innen dieses Blogs bekannt vorkommen könnten. Eine andere Gruppe befasste sich mit der Geschichte von Tho Bee Kha, einem kleinen Vogel, der für das Wohl der Allgemeinheit großen Mut bewies. Wieder eine andere Gruppe las – thematisch passend vor dem Elefantengehege sitzend – eine Geschichte von einem Hasen, der einem Elefanten das Leben rettete.
Am Ende trafen die Schüler*innen erneut zusammen und erzählten einander, welche kulturellen Botschaften in den Geschichten zu entdecken waren: Man sollte anderen in Not helfen. Kleine können Großes bewirken. Eine selbstlose Tat kann viel für die Allgemeinheit bewirken. Wir sind alle miteinander verbunden.
Auch reflektierten die Schüler*innen über Parallelen zu ihrer eigenen Kultur, insbesondere, als es um den Rotationsanbau ging. Reihum erzählten sie, was in ihren eigenen Gärten wächst – Salat, Obst, Gemüse … – und verschafften sich so einen besseren Zugang zum Rotationsanbau, der die zentrale Nahrungsgrundlage für die Karen darstellt.

®Siwakorn: Rituelle Gabe
Im Nachgang der Schüler*innen-Akademie fand ein Online-Austausch zwischen Schüler*innen der Goetheschule sowie Schüler*innen der Khun-Mae-Yod-Schule und Ältesten der Karen in Thailand statt. Die Schüler*innen der Goetheschule hatten sich im Vorfeld mit dem Thema ‚Cross-Cultural Storytelling‚ schon digital beschäftigt und kleine Videos zu Geschichten erstellt. Die Online-Begegnung begann mit einem traditionellen Gebet eines Ältesten. Im Mittelpunkt des Austauschs standen traditionelle Geschichten und das gegenseitige Kennenlernen der beiden Kulturen.
Die deutschen Schüler*innen präsentierten mit selbst gestalteten Sockenpuppen das Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ und hoben dessen Botschaft hervor, dass Zusammenhalt und Solidarität stark machen. Anschließend erzählten die Karen ein traditionelles Märchen, das die Bedeutung von Besonnenheit, Verantwortung und der eigenen Identität vermittelte. Die Geschichte handelte von einem Geschwisterpaar, das nach dem Tod der Eltern zusammenlebte. Als der jüngere Bruder den Verlockungen böser Geister nachgab und gegen die Anweisungen seiner Schwester handelte, kam es zu einer tragischen Wendung.
Im anschließenden Gespräch tauschten sich beide Gruppen über ihre Bildungssysteme, den Schulalltag und die Bedeutung von traditionellem Wissen aus. Die Karen berichteten, dass neben dem staatlichen Lehrplan auch kulturelle Traditionen und praktische Kenntnisse vermittelt wurden. Die deutschen Schüler*innen erklärten den Aufbau des deutschen Schulsystems und beantworteten Fragen zu Studium, Berufswünschen und traditionellen Festen. Im Gegenzug stellten die Karen das thailändische Songkran-Fest vor.
Alle Teilnehmenden bedankten sich für den Austausch und äußerten den Wunsch, diese Begegnungen weiter fortzuführen.
von Sophia Lippemeier und Sabine Schielmann

