Sibirien

Westsibirien: Gasförderung bedroht Jamal-Nenzen

08.03.1999 Westsibirien ist seit dem letzten Jahr noch ein Stück näher an Deutschland gerückt: Ruhrgas verlängerte im Mai 1998 seine Verträge mit dem russischen Gas-Monopolisten Gasprom über Erdgaslieferungen für 25 Milliarden DM bis zum Jahr 2020. Im Dezember beteiligte sich das Essener Unternehmen für mehr als 1 Milliarde Mark bei seinem Russischen Partner. Damit gewinnt auch die Jamal-Halbinsel eine zunehmende Bedeutung für die Zukunft der deutschen Energieversorgung. (vgl. infoeMagazin 12) Obgleich die Pipeline nach Deutschland noch nicht fertiggestellt ist, hat die Zerstörung der Umwelt und des Lebensraums der Jamal-Nenzen schon begonnen. In diesem größten zusammenhängenden Weidegebiet für Rentiere in Rußland sind um die Förderstätten bereits große Flächen verschmutzt. Dazu kommen die Begleiterscheinungen der Erschließung wie der Bau von Straßen und elektrischen Leitungen. Auch die umstrittene Eisenbahlinie von Labytnangi zu den Förderstätten Bowanenkowskoje und Charasawej ist trotz des offiziellen Baustopps bereits bis km 320 fortgeschritten, obgleich Zweifel am wirtschaftlichen Sinn des Projekts bestehen. Die lokale Vertretung der kleinen Völker "Jamal den Nachkommen" muß zwar jede Förderlizenz unterschreiben, doch Rentierzüchter kritisieren, daß ihre Führung stets unterschreibe, wenn Verhandlungen über finanzielle Entschädigung abgeschlossen seien. So wird die Gefahr der Überweidung durch die mehr als 100.000 Rentiere auf Jamals Weideland noch größer. Im Sommer. Im Sommer 1998 wurde eine ganze Herde geschlachtet, obgleich der Markt für Rentierfleisch und Felle im Gebiet bereits gesättigt ist. Die Finanzkrise in Rußland bringt nach Auskunft der örtlichen Behörden womöglich einen Aufschub für die Industrialisierung, doch dieser Zeitgewinn wird wohl kaum zugunsten der nenzischen Rentierzüchter genutzt werden können. Viele Nomadenhaushalte werden nicht mehr mit Grundnahrungsmitteln versorgt, weil es auch in den Dörfern manchmal keinen Zucker, Tee oder Mehr gibt. Zudem haben sich die Produkte durch den Abbau von Subventionen für den russischen Norden drastisch verteuert. Im Erdölgebiet der Chanty und Mansi verschlimmert sich die Rechtslage für die indigenen Völker. Die Ölfirmen sind durch ein neues Gesetz über die Bodenschätze nicht mehr gezwungen, mit den Bewohnern der Fördergebiete zu verhandeln, wenn sie über eine Förderlizenz verfügen. Im September wurden für große neue Lagerstätten solche Lizenzen vergeben, u.a. im Naturpark Numto, einem heiligen Platz für Chanty und Nenzen. Dort stimmte die russische Parkleitung der Förderung zu, die Interessen der Ureinwohner wurden dabei übergangen. Aufgrund der Schwäche der lokalen Interessenvertretungen versuchen viele WaldbewohnerInnen, sich individuell mit den Ölfirmen zu einigen. Die geschieht entweder auf dem Wege des Konflikts bis zum Gerichtsprozeß oder auf informellem Weg über gute Beziehungen zur örtlichen Fürhung der Förderstätten. Im letzteren Fall liefern die Ölarbeiter inoffiziell Benzin und Lebensmittel an die WaldbewohnerInnen. Diese können gleichzeitig Fisch, Beeren und Fleisch an die Ölarbeiter verkaufen. Von einer gerechten Entschädigung ist man indes weit entfernt - un Besserung scheint nicht in Sicht. Im Februar 1999 fand in Helsinki eine internationale Konferenz zu diesem Thema statt. Die indigenen TeilnehmerInnen kamen hauptsächlich aus Sibirien, aber auch aus Kolumbien, Nigeria und Europa. Die Ergebnisse sind unter http://www.maanystavat.fi/oil_eng.html verfügbar. Florian Stammler schrieb im infoeMagazin 12 über die Folgen der Öl- und Gasförderung. 1998 unternahm er zwei Reisen nach Westsibirien.