Sibirien

Von Mutter Bayat zu Vater Rhein (5.5. 1997)

Michail Todyschew aus Südsibirien zu Gast bei infoe Bayat ist der Name eines Flusses in der Region Kemerowo, Südsibirien. Die beiden indigenen Völker dieses Gebietes heißen Telëuten und Schoren. Diese beiden turksprachigen Völker sind seit den vierziger Jahre Zeugen einer beispiellosen Umweltzerstörung denn unter ihrem Land befinden sich reiche Kohlevorkommen. Eine Vereinigung, die sich für ihr Überleben einsetzt, heißt Ene Bayat - Mutter Bayat. Michail Todyschew ist der Vorsitzende des Ältestenrates des Schorischen Volkes. Kontakte mit dem infoe gibt es seit der Sitzung der UN-Arbeitsgruppe für indigene Völker im Sommer 1995. Als einer der ersten Vertreter der indigenen Völker Sibiriens überhaupt war er vom 2.-16. in Deutschland und der Schweiz zu Gast. Organisiert wurde die Reise von infoe Köln. Bei öffentlichen Veranstaltungen und Treffen mit Nichtregierungsorganisationen und PolitikerInnen warb er um Aufmerksamkeit und Unterstützung für die indigenen Völker Sibiriens. Im Mittelalter waren die Schoren ein für seine Schmiedekunst berühmtes Volk. Die RussInnen nannten sie kuznetskie tatary. Kuznets heißt auf Russisch Schmied. Daher kommen der Name der Kohleregion Kuzbass und der Stadt Novokuznetsk. Mit der russischen Kolonisierung ging diese Kunst allmählich verloren. Telëuten und Schoren lebten vor allem von Jagd, Viehzucht und Fischfang. Heute ist die natürliche Lebensgrundlage der nur 16.500 Schoren und 2.500 Telëuten in vielfältiger Weise bedroht. Ab 1947 wurde Gornaja Schoria, das Land der Schoren, mit einem Netz von Straflagern überzogen. Die Gefangenen mußten den Wald roden. Das Holz wurde zu den Sägewerken geflößt. Heute töten die verfaulenden Überreste das Leben in den Flüssen. Auch das berühmt-berüchtigte Atomtestgelände von Semipalatinsk (Nordkasachstan) hat seine Spuren hinterlassen. Doch das schlimmste ist der Bergbau: Eine kompakte Siedlungsweise haben die Telëuten nur in fünf Dörfern bewahrt. Alle diese Dörfer sind heute vom Tagebau eingekreist. Ein russisch-deutsches Joint-Venture gehört zu den schlimmsten Umweltverschmutzern. "Wir stehen heute an der Schwelle zum kulturellen Aussterben", sagte Michail Todyschew in Köln. "Unsere Sprache können wir nur auf Grundlage der entlegenen Dörfer bewahren, in denen sie noch von Kindheit an gesprochen wird. Doch auf den Dörfern gibt es keine Arbeitsplätze, von Jagd, Fischfang und Viehzucht kann man nicht mehr leben - aufgrund der Umweltzerstörung. Deshalb ist die Jugend gezwungen, in die Städte auszuwandern. Wenn wir unsere Sprache bewahren wollen, müssen wir in unseren Dörfern Arbeitsplätze schaffen, Schulen und Hospitäler bauen. Doch dazu bekommen wir von der Administration kein Geld und eine finanzielle Entschädigung für die Umweltzerstörung bekommen wir auch nicht." Mit der Perestrojka begannen die indigenen Völker Sibiriens, sich zu organisieren. Seit vier Jahren nehmen ihre VertreterInnen regelmäßig an der UN-Arbeitsgruppe über indigene Völker teil. Dennoch gibt es zwischen ihnen und westlichen NGO's bis heute kaum Kontakte. "In den Köpfen ist der eiserne Vorhang immer noch vorhanden. Außerdem fehlen uns die technischen Mittel: In allen Ländern verfügen indigene Organisationen über Fax und eMail, nur wir in Sibirien haben oft nicht einmal Telefonanschlüsse." Deshalb war ein Ziel der Reise die Suche nach Sponsoren für ein Informationsnetzwerk sibirischer Völker. Weiterhin sind ein sibirisch-deutscher Jugendaustausch und ein Filmprojekt angestrebt. Johannes Rohr