Wald

Kahlschlag in Vietnam

Indigene Minderheiten haben einen schweren Stand Die 53 indigenen Gruppen Vietnams machen mit rund 10 Millionen Angehörigen 13.5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und werden unter der Kategorie "ethnische Minderheiten" beziehungsweise "Nationalitäten" zusammengefasst. Sie leben vorwiegend in den gebirgigen Regionen der nördlichen und zentralen Provinzen. Die Subsistenzwirtschaft beruht bei den meisten dieser Gruppen traditionell auf Brandrodungswanderfeldbau, kombiniert mit Jagen. Sammeln und der Nutzung der Produkte des Waldes. Durch die forcierte Einbindung in nationale wie globale Märkte. verschlechterten Zugang zu knapper werdenden Ressourcen (Wald, Wasser, Land) sowie diverse auf "Vietnamisierung" abzielende Gesetze und Vorgaben sehen sich viele der hill tribes einem tief greifenden Wandel gegenüber. So hat beispielsweise der fortschreitende Kahlschlag des Primärwaldes in vielen Provinzen verheerende Auswirkungen. In der Provinz Lang Son im Nordosten ist dieser Primärwald nahezu völlig verschwunden. Das Holz ist entweder in Möbelgeschäften in den großen Städten gelandet oder wurde zum Bau von Eisenbahntrassen nach China verkauft. Für die Entwaldung wurden die dortigen Minderheiten, die Tày und Nùng unberechtigterweise selbst verantwortlich gemacht. Zwar hat die Regierung den Holzeinschlag mittlerweile verboten, ein großer Schwarzmarkt existiert dennoch. Einige der verbliebenen "Inseln", die für die Tày und Nùng als Sitz von Geistern auch religiöse und kulturelle Bedeutung haben, werden von den Bewohnern verschiedener Dörfer mittlerweile bewacht. Die Entwaldung hat vielerorts nicht nur zu Erosion, Wasserknappheit und schlechter Wasserqualität geführt, sondern auch dazu, dass das Holz zur Instandsetzung und zum Neubau von Häusern nicht mehr vorhanden ist. Die herkömmlichen Pfahlbauten, die nicht nur religiöse und kulturelle Bedeutung haben, sondern wegen ihrer Höhe und Luftdurchlässigkeit auch Schutz vor Moskitos und damit vor Malaria und Dengue-Fieber bilden, müssen wegen ihrer Baufälligkeit den ebenerdigen Betonhäusern vietnamesischer Bauart weichen. Dieser Umstand stimmt die offiziellen Stellen nicht gerade traurig, schließlich gelten Langhäuser, Pfahlbauten, Subsistenzwirtschaft und Animismus als "primitiv" und "rückschrittlich". Der offizielle Sprachgebrauch hierfür ist "doan ket dan toc", ethnische Solidarität: Die ist so zu verstehen, dass die vietnarnesische Mehrheitsgesellschaft die Minderheiten nicht nur respektieren, sondern simultan auch entwickeln muss das paternalistische Verhältnis eines "großen Bruders" zu seinen "jüngeren Geschwistern". Dennoch ist Vietnam neben Laos das einzige südostasiatische Land, in dem indigene Minderheiten signifikante Möglichkeiten zu Partizipation und Einflussnahme auch in den höheren Ebenen des Staatsapparates haben und dort wie auch in Regierungsorganisationen und NG0s, die sich um Belange der Minderheiten kümmern, vertreten sind. In Lang Sen hat die vietnamesische NGO "Center for Sustainable Developrnent in Mountainous Areas" (CSDM), die sich fast zur Hälfte aus Angehörigen verschiedener Minderheiten zusammensetzt, viele Projekte implementiert. Diese reichen von Programmen zur Wassergewinnung und -verteilung und der Produktion von Biodünger bis hin zu Initiativen, die traditionelle Kultur zu erhalten. 2001 nahmen Vertreter des CSDM am "Indigenen Forum zu Biodiversität" in Bonn teil, als dessen Gastgeber, gemeinsam mit dem Klimabündnis, infoe fungierte. Daniel Apolinarski infoe-Mitglied Daniel studiert Ethnologie in Freiburg i. Br. i,von Juli bis Oktober 2002 hielt er sich im Rahmen eines ASA-Programms in Kooperation mit dem CSDM in Vietnam auf.