Im Rahmen eines Austauschs mit Dozierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des Instituts für Ethnologie der Uni Köln am 15. Oktober 2025 sprachen wir mit Esther Atem über die dringende Notwendigkeit, dass die Wissenschaft ihre Rolle im Globalen Süden neu überdenken muss. Das Gespräch beleuchtete den Zwiespalt zwischen akademischem Wissen und der Realität in den Gemeinden, wo Forschung oft theoretisch bleibt und keinen Bezug zu den Lebenserfahrungen derjenigen hat, denen sie eigentlich dienen soll. Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse, die Esther während des Gesprächs vermittelte, zusammengefasst.
Warum ist dieses Thema so wichtig?
Auf allen Kontinenten haben Länder mit sinkender internationaler Hilfe, verzögerten Fortschritten bei der nachhaltigen Entwicklung und einer sich wandelnden, von Unsicherheit geprägten globalen Landschaft zu kämpfen. Afrika bildet da keine Ausnahme. Karamoja in Uganda ist eine der am besten erforschten Regionen Ugandas, dennoch sind dort systemische Ausgrenzung und Unterentwicklung weiterhin an der Tagesordnung. Dieses Paradoxon erfordert eine tiefere Reflexion über die Rolle der Wissenschaft.
Der Zwiespalt zwischen Wissenschaft und gesellschaftlicher Realität
Untersuchungen zeigen, dass akademische Forschung zu Karamoja oft eher theoretisch bleibt und keinen Bezug zur gelebten Realität hat. Dies belegen die Ergebnisse der Karamoja Resilience Support Unit (KRSU), wonach trotz umfangreicher Forschungen zu Weidewirtschaft, Ernährung und Landverwaltung ein Großteil davon die lokalen Gemeinschaften nicht erreicht oder bei ihnen keinen Anklang findet.
Diese Kluft gibt es nicht nur in Karamoja. Überall im Globalen Süden produzieren akademische Einrichtungen Wissen, das selten gemeinsam mit den betroffenen Menschen erarbeitet wird. Das Ergebnis ist Forschung ohne lokale Relevanz, die die Gemeinden nicht stärkt. Die Wissenschaft muss aus diesen Erfahrungen lernen. Sie muss über die Beobachtung hinausgehen und sich engagieren.
Einbettung der Wissenschaft in den gesellschaftlichen Kontext
Untersuchungen der KRSU zeigen, dass sich die Qualität und Wirksamkeit von Forschungsarbeiten drastisch verbessern, wenn Studierende und Forschende von Anfang an in den gesellschaftlichen Kontext eingebettet sind. Beispiele aus der Praxis belegen, dass dieser Ansatz nicht nur reichhaltigere Daten liefert, sondern auch Vertrauen schafft und lokale Kapazitäten aufbaut.
Die Wissenschaft muss dieses Modell übernehmen. Es verwandelt Forschung von einer transaktionalen in eine relationale Aufgabe. Wissenschaft kann zu einer treibenden Kraft für Veränderungen werden, wenn sie mit Gemeinschaften zusammenarbeitet, anstatt sie aus der Ferne zu studieren.
Gemeinsame Wissensgenerierung mit lokalen Akteuren
Es ist sehr wichtig, Wissen gemeinsam mit lokalen Akteuren zu generieren. Leider werden traditionelle Wissenssysteme im akademischen Diskurs oft übersehen oder unterschätzt. Dies ist eine Lehre für die Wissenschaft weltweit: Wissen ist nicht ausschließlich eine Domäne der Universitäten. Es lebt in Gemeinschaften, in mündlichen Überlieferungen und in der Weisheit der Vorfahren.
Gemeinsame Wissensgenerierung bedeutet, dies anzuerkennen und Räume zu schaffen, in denen akademisches und indigenes Wissen aufeinandertreffen, sich gegenseitig herausfordern und bereichern können.
Forschung in die Praxis umsetzen
Untersuchungen der KRSU zeigen, dass die Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis tiefgreifende Auswirkungen auf die Gemeinden hat. Die Wissenschaft muss dieser direkten Umsetzung Priorität einräumen. Forschung darf nicht mit der Veröffentlichung enden, sondern muss in der Praxis wirksam werden. Die Botschaft ist klar: Forschung muss aktiv werden.
Würde bewahren, Narrative zurückgewinnen
Wenn wir über die Rolle der Wissenschaft im Globalen Süden nachdenken, dürfen wir nicht vergessen, dass die Geschichten, die wir erzählen, von Bedeutung sind. Forschung muss mit Weisheit, Demut und Respekt erfolgen. Gemeinschaften sind keine Fallstudien, sie sind lebendiges Erbe. Die Wissenschaft muss dies würdigen. Sie muss in ihrer Erzählweise Würde bewahren, lokale Stimmen in ihrer Forschung hervorheben und gemeinsam eine Zukunft gestalten, die die Menschlichkeit derer widerspiegelt, denen sie dient.
Dieser Moment ist keine Krise, sondern eine Chance. Eine Chance für die Wissenschaft, von der Reflexion zur Relevanz, von der Theorie zur Transformation und von der Distanz zur Solidarität überzugehen. Lasst uns diese Chance nutzen.
Von Esther Atem, ehrenamtlich engagiert bei Karamoja Herders of the Horn und langjährige Partnerin von INFOE
Übersetzt und bearbeitet von Friederieke Heidelberg, Praktikantin bei INFOE

