von Lena Galley
“Kann Naturschutz funktionieren, ohne die Menschen zu verdrängen, die ihn bisher gerade erst bewahrt haben?”(1)
Diese Frage stellt der Autor Faisal Irfani in seinem Artikel “Tanah ini dari leluhur, bukan negara” – “Dieses Land gehört den Vorfahren, nicht dem Staat”(1). Die vielen Dayak-Gemeinschaften haben Jahrtausend alte Erfahrungen im Umgang mit dem Wald auf Kalimantan. Sie wissen, wie der Wald gepflegt, geschützt und bewirtschaftet werden muss, sodass er weiterhin bestehen kann. Mehr als 60 Vegetationsformen existieren allein in Westkalimantan. Damit gehört Kalimantan zu den artenreichsten Regionen Indonesiens. Trotzdem steht sie stark unter dem Druck von Abholzungen und industriellen Plantagen(2). In den letzten fünf Jahren gingen rund 1,95 Millionen Hektar Baumbedeckung verloren – eine Fläche, die etwa dreimal so groß ist wie die indonesische Insel Bali(2) oder fast so groß wie die Fläche des deutschen Bundeslandes Hessen.
So versucht die indonesische Regierung, den Wald mit Hilfe von Naturschutzgebieten zu schützen. Das Problem dabei ist allerdings, Menschen, die dort leben, insbesondere indigene Gemeinschaften, wie die Dayak, werden in den Entscheidungen über die Gebiete und Maßnahmen nicht eingeschlossen. Dabei kommt es häufig zu Konflikten zwischen staatlichen Institutionen und indigenen Gemeinschaften, die an Entscheidungsprozessen kaum beteiligt werden(1).
Gleichzeitig nimmt die landwirtschaftliche Nutzung der Wälder zu. Besonders zwischen 2020 und 2024 wurde der Reisanbau zur Lebensmittelversorgung ausgeweitet. Dabei werden auch Saatgutsorten eingesetzt, die für die Böden Kalimantans ungeeignet sind und lokale Pflanzenarten verdrängen(3). Die traditionelle vielfältige Landwirtschaft der Dayak mit Reis, Gemüse und Gewürzen wird zunehmend durch den Anbau von Reis, Kautschuk und vor allem Ölpalmen ersetzt. Auch die Anerkennung indigener Landrechte bleibt begrenzt. Bisher wurde von 14 vorgeschlagenen Gebieten nur eines als offizieller indigener Wald anerkannt(2).
Für die Meratus-Dayak-Gemeinschaft in Südkalimantan besitzt der Wald zwei zentrale Bedeutungen – sowohl als Lebensgrundlage als auch als spiritueller Raum. Nach ihrem Verständnis wird der Wald in zwei unterschiedliche Bereiche unterteilt. Der sogenannte Katuan-Wald gilt als heiliger Wald, in dem keine Bäume gefällt werden dürfen. Die dort wachsenden Bäume werden als heilig angesehen und symbolisieren den Respekt gegenüber den Vorfahren, die sich nach dem Glauben der Dayak in diesem Wald aufhalten. Daneben existiert der Jurungan-Wald, der der Deckung der Grundbedürfnisse dient. Hier dürfen Garten- und Ackerbau betrieben sowie Holz für den Hausbau genutzt werden, allerdings nur unter Einhaltung bestimmter Regeln, um die den Erhalt des Waldes und der Ressourcenzufuhr zu sichern. Die Meratus-Dayak leben überwiegend von der Wanderfeldwirtschaft (Bahuma) und sind in hohem Maße auf die Ressourcen des Waldes angewiesen. Ihr Lebensunterhalt basiert auf dem, was der Wald ihnen bereitstellt. Die Ausweisung eines Nationalparks stellt daher eine unmittelbare Bedrohung ihrer Lebensgrundlage dar(1).

®Solidaritas Perempuam
Zusätzlich verfügen die Dayak über umfangreiches Wissen hinsichtlich einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung, ohne diesen dauerhaft zu schädigen. Der Schutz des Waldes sowie die Vermeidung seiner Zerstörung sind tief in ihren Lehren verankert und werden als generationenübergreifendes Erbe weitergegeben(1). Indigene Wälder erfüllen deshalb nicht nur eine wichtige Funktion für den Erhalt der biologischen Vielfalt, sondern tragen auch zum sozialen Frieden und zur Vermeidung von Konflikten bei. Das über Generationen weitergegebene Wissen indigener Gemeinschaften über ihre lokalen Wälder verschafft ihnen besondere Fähigkeiten, diese langfristig zu schützen(2).
Dennoch werden Gebiete der Dayak zunehmend als staatliche Waldgebiete deklariet(2). Seit des Neuen-Ordnungs-Regimes, auch Suharto-Ära (7) genannt, in den 1980er-Jahren wird das Land der Dayak verstärkt für kommerzielle Zwecke genutzt. Vor allem der Ausbau von Palmölplantagen sowie staatliche Transmigrationsprogramme führten dazu, dass Arbeitskräfte in dünn besiedelte Regionen umgesiedelt wurden, um neue Plantagen anzulegen. Schätzungsweise zwei Millionen Hektar Wald wurden in diesem Zusammenhang für Plantagen und Transmigrationsprojekte zerstört. Die Wirtschaftskrise in Indonesien der 1990er-Jahre verstärkte diese Entwicklung zusätzlich, wodurch zahlreiche indigene Gemeinschaften, darunter viele Dayak, ihr fruchtbares Land verloren(3).
Muhammad Habibi, der Direktor der nicht-staatlichen Organisation Save our Borneo (5), kritisiert, dass sich diese Denkweise bis heute in politischen Entscheidungsprozessen widerspiegelt. Viele der Regierungsapparate nehmen natürliche Ressourcen lediglich als Objekte wahr, die zu kommerziellen Zwecken genutzt werden können. Aus diesem Grund, werde laut Habibi, die Methoden indigener Bewirtschaftungen als unattraktiv wahrgenommen(2).
Aber auch das staatliche Verständnis von Naturschutz steht im Gegensatz zu den Vorstellungen der Dayak. Nach staatlicher Auffassung bedeutet Naturschutz vor allem, menschliche Aktivitäten im Wald zu unterbinden. Dadurch werden sowohl die Existenz indigener Wälder als auch die dort lebenden Gemeinschaften weitgehend ignoriert. Indigene Wälder werden unter staatliche Kontrolle gestellt, während indigene Bevölkerungsgruppen bevormundet oder aus ihren angestammten Gebieten verdrängt werden. Handlungen, die für die Dayak der Sicherung ihres Lebensunterhalts und ihrer Religion dienen, werden dadurch sogar teils kriminalisiert und als Straftaten eingestuft, obwohl aus rechtlicher Sicht indigene Gemeinschaften weder vertrieben noch für nicht-kommerzielle, dem Lebensunterhalt dienende Tätigkeiten im Wald bestraft werden dürfen(1).
Der Dozent der indonesischen Universität Gadjah Mada, Yance Arizona, beschreibt diesen Konflikt als nicht-partizipatives Naturschutzmodell, welches auf kolonialen Strukturen beruht. Der Staat versteht sich dabei als oberste Autorität über Wälder und Natur. So verdrängt er indigene Gemeinschaften aus ihrem Lebensraum, anstatt sie in Naturschutzdebatten einzubeziehen. So weist auch Matthew Minarchek der Cornell University darauf hin, dass Naturschutz oft als ein mächtiges Instrument in Kolonialisierungen ausgenutzt wurde. Naturschutz wurde als Vorwand verwendet, um Landbewirtschaftungssysteme und Besitzverhältnisse zu schaffen. Diese Machtverhältnisse zwischen Staat und Bevölkerung können bis heute beobachtet werden(1).
Im spezifischen führt Yance dieses nicht-partizipative Naturschutzmodell auf die Einführung von Cultuurstelsel (8) um 1830 zurück. Damals beauftragte die niederländische Kolonialmacht deutsche Forstwissenschaftler, die Waldwirtschaft in Indonesien neu zu organisieren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden unter ihrem Einfluss Vorschriften zum staatlichen Naturschutz eingeführt, die den Wald zunehmend unter zentrale Kontrolle stellten. Indigene Gemeinschaften wurden aus Naturschutzdebatten ausgeschlossen, da sie eine Bedrohung der staatlichen Kontrolle über Wald- und Naturgebiete, und damit über kommerzielle Ressourcen, bedeuteten(1).
Doch betont der Direktor der Gesellschaft AMAN (Sicher) – Aliansi Masyarakat Adat Nusantara (Allianz Indigener Gemeinschaften des Indonesischen Archipels), Arman Moehammad, im Interview mit der BBC News Indonesia:
„Masyarakat itu tidak anti dengan pembangunan. Tapi, harapannya semua itu dibicarakan sebab mereka punya pengetahuan tentang hutan, tentang alam, di tempat tinggal mereka.”(1)
„Die [indigene] Bevölkerung ist nicht gegen Entwicklung. Aber sie hofft, dass alles besprochen wird, denn sie verfügt über Wissen über den Wald und die Natur an ihrem Wohnort.“
(Übersetzung aus dem Indonesischen von Lena Galley)
Den Dayak-Gemeinschaften geht es nicht darum, Naturschutz zu verhindern, aber Wald und Lebensraum zu schützen, was Waldrodungen und Naturschutzgebiete nicht gewährleisten(2).
In anderen Worten erzählt Annisa Nur Fadhilah des World Rainforest Movement über die Philosophie der Dayak:
“Sesukup Belumbah Adat“(3)
“wo die Erde feststeht, wird der Himmel getragen“
Diese Philosophie soll daran erinnern, besonders Respekt für die Orte zu haben, wo gelebt wird. Für die Dayak bedeutet das hohen Respekt für den Wald und die Natur, Ehrung des Universiums und Wertschätzung wie Dankbarkeit für die Vorfahren(3). Um dies zu gewährleisten müssen indigene Gemeinschaften in Entscheidungsprozessen integriert, die Grenzen von Naturschutzgebiete gemeinsam entschieden und definiert, und Landwirtschaft auf die jeweilige Region und dessen Artenvielfalt angepasst werden.
Eine Geschichte, die über die Landwirtschaft der Dayak lehrt, ist die Legende von Ambun Bekukup, in dem der Dayak-Junge Ambun auf einem hohen Baum den Kreislauf des Lebens auf der Erde beobachtet. In Zusammenarbeit mit einer Dayak-Gemeinschaft hat INFOE Unterrichtsmaterialien zu dieser Legende und die Landwirtschaft der Dayak erstellt, darunter eine zweisprachige Bildergeschichte
als E-Paper
Oder schauen Sie unser Video zur Geschichte an.
Die Materialien sind frei zugänglich über https://www.infoe.de/blog_post/die-legende-von-ambun-bekukup/
Referenzen
(1) Irfani, Faisal. 2026. “Nasib masyarakat adat Nusa Tenggara hingga Kalimantan terjepit taman nasional – ‚Tanah ini dari leluhur, bukan negara’” BBC News Indonesia. Abgerufen 05. Mai 2026
(https://www.bbc.com/indonesia/articles/cm2p1x79m9do).
(2) Triwibowo, Dionisius Reynaldo. 2026. “Balada Rimba-rimba Terakhir Kalimantan. Hutan Kalimantan sudah berusia lebih-kurang 140 juta tahun, tetapi dalam lima tahun terakhir deforestasi menggerus kejayaannya.” Kompas. Abgerufen 05. Mai 2026 (https://www.kompas.id/artikel/balada-rimba-rimba-terakhir- kalimantan?open_from=Tagar_Page).
(3) Fadhilah, Annisa Nur. 2023. “Dayak Women’s Struggle to Protect the Forests in Central Kalimantan, Indonesia”. WRM. World Rainforest Movement. Abgerufen 05. Mai 2026
(https://www.wrm.org.uy/bulletin-articles/dayak-womens-struggle-to-protect-the-forests-in-central-kalimantan-indonesia)
(4) Knörr, Jacqueline. 2012. „Einheit in Vielfalt? Zum Verhältnis ethnischer und nationaler Identität in Indonesien“. bpb: Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen 15. Juli 2026 (https://www.bpb.de/apuz/75764/einheit-in-vielfalt-zum-verhaeltnis-ethnischer-und-nationaler-identitaet-in-indonesien?p=all).
(5) SOBinfomedia. Save Our Borneo. Abgerufen 05. Mai 2026 (https://saveourborneo.org/en/).
(6) Adam, Asvi Warman, John David Legge, Thomas R. Leinbach, James F. McDivitt, Goenawan Susatyo Mohamad, and Oliver W. Wolters. 2024. “Indonesia. History. The Culture System”. Encyclopedia
Britannica. Abgerufen 22 Juli 2026 (https://www.britannica.com/place/Indonesia/The-Culture-System).
Anmerkungen
(7) Als das Neue-Ordnungs-Regime, oder auf Indonesisch Orde Baru, wird die Regierungszeit des zweiten indonesischen Präsidenten Suharto nach der Unabhängigkeitserklärung Indonesiens
zwischen 1967 bis 1998 bezeichnet. Der Name beruht auf eine neue politische Richtung von Suharto, die sich besonders durch die militärische und anti-muslimische Tendenz von seinem
Vorgänger abgrenzte(4).
(8) Das Cultuurstelsel beinhaltet wirtschaftliche Reformen, die der Ressourcengewinnung der Niederländischen Kolonialmacht diente. Z.B. zwang sie die kolonialisierte Bevölkerung bzw.
Lanwirt*innen ein Fünftel ihrer Ernte an die Niederländische Regierung als Landmiete abzugeben und beutete damit die Bevölkerung stark aus. Zudem organisierte das System Cultuurstelsel die Transmigration von Bewohner*innen der zentralpolitischen Insel
Java zu weniger dichtbesiedelte Inseln, wie z.B. nach Kalimantan oder Sumatra(6).
Quellen Fotos
Titel: Mit freundlicher Genehmigung von WRM https://www.wrm.org.uy/bulletin-articles/dayak-womens-struggle-to-protect-the-forests-in-central-kalimantan-indonesia
Frauen im Gemeinschaftsgarten: Mit freundlicher Genehmigung von WRM https://www.wrm.org.uy/multimedia/podcast-dayak-women-defend-the-forest-of-tambun-bungai-in-indonesia

