Von Jace Proske

Wie gelingt es uns, in einer gespaltenen Gesellschaft (wieder) ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben? Wie können wir auch über diese Gräben hinweg polarisierende Themen wie die Klimakrise ansprechen und unsere Demokratie stärken? Im Mai hatte ich als ehemaliger INFOE-Praktikant die Gelegenheit, an der von Germanwatch e. V. ausgerichteten Fachtagung Zukunft gestalten im Dialog“ in Münster teilzunehmen, die sich Fragen des Austausches und der Zusammenarbeit im Rahmen von entwicklungspolitischer Bildungsarbeit widmete.

Dabei war Dialog nicht nur Ziel und Thema, sondern auch Methode: Im Rahmen der Vorträge und Workshops, Interessensgruppen und Diskussionsrunden sowie in den Pausen tauschten sich die zirka 30 Teilnehmenden aus (entwicklungs-)politischer Bildungsarbeit sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen, Vereinen und Netzwerken rege und überwiegend harmonisch aus. Die diskriminierungs- und machtsensible Gestaltung durch das Team von Germanwatch unter der Leitung von Melanie Gehenzig, Stefan Rostock und Luise Albruschat sowie die musikalische Begleitung durch Pascal Gentner schufen eine angenehme Atmosphäre dafür.

Der thematische Einstieg erfolgte am Montag über einen Zusammenschnitt von Interviews mit fünf im Bereich Klimaschutz und Demokratie aktiven Personen aus dem Globalen Süden, welche ein Lagebild der aktuellen Zeit formulierten. Für den Austausch darüber wurden uns Poster mit Zusammenfassungen der Interviews zur Verfügung gestellt. Leider waren diese merklich mithilfe von generativer KI erstellt worden und unübersichtlich strukturiert, was bei mir unter anderem angesichts der hohen Kosten für das Klima für Irritation sorgte.

Als erster Referent regte uns Nils Husmann dazu an, Methoden aus der Mediation auf die Klimakommunikation zu übertragen, um unerfüllte Grundbedürfnisse und damit verbundene Interessen zu erkennen und so Raum für Verständigung zu eröffnen. Da Karo Jobst von „Dorfliebe für alle“ leider fehlte, stellte im Rahmen der Praxisresonanz Lea Berger das Netzwerk für Demokratie und Courage vor, welches an Schulen aktiv ist. Bildungsakteur:innen aus dem Publikum trugen eigene Erfahrungen zum Umgang von Lehrkräften mit Diskriminierung bei. Im zweiten Beitrag der Praxisresonanz ermutigte uns Thomas Hohn vom Bündnis ZukunftsBildung, Polarisierung als Aufgabe zum Aufzeigen von Themen zu begreifen. Am Abend nahmen Christoph und Christiane Bals uns mit auf eine „Reise an Orte des sozial-ökologischen Umbaus und neuer Impulse für die Demokratie“ und gaben eindrucksvoll die Erfahrungen politisch engagierter Menschen in Ungarn, Pößneck im Saale-Orla-Kreis, Fuhne in Sachsen-Anhalt, Walheim in Sachsen und Mailand in Italien wieder.

Am Dienstag kamen wir in den seltenen Genuss eines Vortrags von Marina Weisband mit dem Titel „Handeln lernen“. Sie erläuterte, wie Jugendliche im fremdbestimmten Schulsystem Hilflosigkeit statt Demokratie erlernen und wie Selbstwirksamkeitserfahrungen dem entgegenwirken, etwa im Rahmen ihres Beteiligungskonzepts aula. Der Beitrag fand großen Anklang unter den Teilnehmenden. Kontrovers aufgenommen und diskutiert wurde dagegen der Praxisimpuls „Konservative Milieus verstehen und ansprechen“, der am Vormittag als eine von zwei „Gelingensgeschichten“ zur Auswahl stand (der Impuls „#Mitmischen NRW“ wurde verschoben).

Julian Franz stellte dabei die Arbeit des Vereins Heimatwurzeln e. V. vor, der „bürgerlichen Klimaschutz“ verfolgt. Laut Heimatwurzeln bleibt die Stimme der gesellschaftlichen Mitte, die etwa die Hälfte der Bevölkerung umfasse, in polarisierten Debatten oft ungehört. Da diese wenig Vertrauen in die Klimapolitik habe, versucht Heimatwurzeln sie als glaubwürdiger konservativer Absender mit konservativen Botschaften anzusprechen, um so die Debatte zu entpo- larisieren. Entsprechend verknüpft der Verein das Thema mit konservativen Werten und Interessen wie Versorgungssicherheit, regionaler Wertschöpfung und Wirtschaftswachstum.

Das bewusste Ausklammern komplexer und herausfordernder Aspekte der Klimathematik stieß auf Kritik von Teilnehmenden, die auf die globale Natur der Klimakrise und ihre Wechselwirkungen mit anderen Themen hinwiesen. Franz zufolge interessiere sich das bürgerliche Publikum aber nur für unmittelbar greifbare, lokale Geschehnisse. Der Verein konzentriere sich deshalb auf im bürgerlichen Milieu realistische zu bewirkende Veränderungen wie das Heizen des Eigenheims mit Erneuerbaren Energien oder der Umstieg auf ein E-Auto. Die untergeordnete Rolle von Frauen(rechten) wurde vom Publikum ebenfalls kritisch hinterfragt. Franz verortete dieses Anliegen eher bei den Landfrauen, mit denen bereits kooperiert wurde. Nicht zuletzt kamen – auch bei mir – Zweifel an der Definition einer bürgerlichen Mitte auf, die einerseits 50% der Bevölkerung darstellen sollte, andererseits durch den Ausschluss kontroverser Themen aber zwangsläufig auf weiße, deutsche, gut verdienende cis-hetero Männer im landwirtschaftlichen Milieu reduziert wurde.

Dennoch war der Beitrag für mich sehr konstruktiv. Schließlich ging bei der Tagung ja genau darum, wie wir mit unseren Themen auch Menschen vom „anderen Lager“ erreichen können. Dabei fand ich manche Anregungen einleuchtend, während andere auf inneren Widerstand stießen. Letzteres traf etwa auf die Betonung des eigenen Vorteils in der Kommunikation über die Energiewende und die zwingende Vereinbarkeit mit dem individualistischen Lebensstil zu: Ich frage mich, ob wir bürgerlichen Menschen nicht unrecht damit tun, ihnen weder Solidarität noch Empathie zuzutrauen. Wenn wir tatsächlich davon ausgehen, dass die Hälfte der Bevölkerung nicht einmal weit genug über den eigenen Tellerrand (oder Gartenzaun) hinausblickt, um sich für ihre Mitbürger*innen zu interessieren, wie können wir dann hoffen, Interesse am Wohl marginalisierter Menschen im Globalen Süden zu wecken?

®Pedro Cona

Ich persönlich glaube, dass die Partnerschaften, die INFOE initiiert und begleitet, großes Potential für den Dialog mit Partner:innen aus dem Globalen Süden bieten – seien es virtuelle Schul-, SDG- oder Klimapartnerschaften wie die zwischen Köln und Yarinacocha, deren Treffen ich 2018 beiwohnen durfte. Denn dass Menschen erst einmal interessiert, was in ihrem Umfeld passiert und sie selbst unmittelbar betrifft, ist nur natürlich. Aber Nähe mit anderen Menschen – in Zeiten des Internets auch mit weit entfernt lebenden – lässt sich herstellen. Gemeinschaft wächst aus der Erfahrung, dass wir etwas gemeinsam haben. Und Solidarität fördern wir durch die Erkenntnis, dass wir einander brauchen und voneinander lernen können. Auch wenn Schüler:innen vielleicht noch offener für inter- und transkulturellen Austausch sind als politikverdrossene Erwachsene, kann ich mir vorstellen, dass solche Partnerschaften zwischen ländlichen Gemeinden in Deutschland und indigenen Gemeinden im globalen Süden die Erfolge von Heimatwurzeln gut ergänzen könnten.

Um eine neue Zielgruppe anzusprechen, die sich bisher nicht mit indigenen Rechten beschäftigt hat – beispielsweise die bürgerlich-konservative Zielgruppe – kann es hilfreich sein, auch neue Methoden in Erwägung zu ziehen. Folgte man dem Beispiel von Heimatwurzeln, so würde das bedeuten, eine solche Partnerschaft möglichst unpolitisch zu präsentieren, vielleicht durch die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden. Die Anknüpfung an konservative Werte birgt dabei aber natürlich auch Risiken. So sind der Einsatz für Umweltschutz als Heimatschutz und die Rückkehr zu einem natürlichen Leben in völkischen und rechtsextremen Milieus verbreitete Ideologien, die auch zur Brückenbildung zum bürgerlich-konservativen Milieu und der gesellschaftlichen „Mitte“ genutzt werden. Auch wenn Heimatwurzeln sich selbst als ideologiefrei bezeichnet, sich für Demokratie und Toleranz und gegen Ausgrenzung, Rassismus und Extremismus positioniert, erschwert die Nutzung dieses Begriffs und Motivs eine klare Abgrenzung nach rechts. Für INFOE ist diese umso wichtiger, nicht zuletzt aufgrund der in Deutschland noch immer gängigen Verklärung und Vereinnahmung Indigener Völker durch das rassistische Stereotyp des „Edlen Wilden“.

Auch für die Arbeit mit der bürgerlichen Zielgruppe stellen solche und andere bisher wenig reflektierte rassistische Vorurteile eine Hürde dar. Heimatwurzeln kann mit seinem einzig auf Klimaschutz fokussierten Ansatz ohne „moralischen Druck“ keine Antworten liefern. Aber eigene Grundprinzipien und Werte müssen bei einem solchen Versuch der Partnerschaft nicht auf der Strecke bleiben. Denn Menschen, die in Deutschland auf dem Land und von der Landwirtschaft leben, eint bereits vieles mit indigenen Bäuer:innen in Ländern des Globalen Südens. Beispielsweise die Abhängigkeit von der Ernte oder die Entfremdung von akademischen Diskursen und politischen Entscheidungen über Klimaschutz. Beide Gruppen brauchen konkrete, praktische Lösungen für die Herausforderungen, vor die der Klimawandel sie stellt – ungeachtet dessen, ob sie ihn bereits bewusst als Problem anerkennen, denn darauf nimmt das Klima keine Rücksicht.

Diese Gemeinsamkeiten und Potenziale der Zusammenarbeit durch einen Austausch auf Augenhöhe zum Vorschein zu bringen, ist unglaublich wertvolle Arbeit, die genauso wenig ohne unsere Werte funktionieren kann: Es braucht das Bewusstsein für Machtstrukturen, Rassismus und historische Verantwortung; Wertschätzung für Solidarität und Menschenrechte; interkulturellen Respekt, Kompetenz und Sensibilität. An fremde Werte anzuknüpfen, darf und muss nicht bedeuten, eigene dafür aufzugeben. Denn unsere Werte sind immer noch das, was uns antreibt, diese Arbeit zu leisten und einen solchen Versuch überhaupt zu starten. Weil wir glauben, dass das Ziel einer lebenswerten Zukunft für alle die Anstrengung wert ist und wir auf dem Weg dahin mehr Unterstützer*innen brauchen – denen wir durch das Entgegenkommen auch unsere Sicht der Dinge und letztlich unsere Werte näher bringen wollen.

An die (Wieder-)Herstellung der hierfür benötigten Handlungsfähigkeit knüpfte Klimakommunikationstrainerin Marianne Dobner an: Sie sprach über die Ursachen für Ohnmachtsgefühle und erläuterte, wie unsere eigene Veränderungsbereitschaft unter einem verzerrten Bild der Mitmenschen als weniger engagiert leidet. Deshalb sei Klimaresilienz als Fähigkeit, gemeinsam auch in dieser ernsten Lage orientierungs-, beziehungs- und handlungsfähig zu bleiben, so wichtig; die Beiträge der Teilnehmenden dazu zeigten, wie viele Orte und Ideen für die Stärkung von Orientierung, Verbundenheit und sozialen Zusammenhalts sowie Wirksamkeit es bereits gibt. Am Nachmittag stellte Thea Stellpflug, FSJlerin bei Germanwatch, das Programm #Mitmischen NRW vor, welches Jugendlichen die Beteiligung an der NRW-Nachhaltigkeitspolitik und den (für größere Selbstwirksamkeit eigenverantwortlich geplanten) Austausch mit Politiker:innen ermöglicht. Nach dem Abendessen wurde eine „Streitbar“ angeboten: Bei Getränken konnten wir gesellschaftliche und politische Thesen aus drei Kategorien wählen, die von „mild“ über „medium“ bis „scharf“ rangierten. Aus meiner Sicht waren diese nicht allzu kontrovers; statt hitzigen Diskussionen kam es auch hier eher zu harmonischem, wenn auch interessantem Austausch.

Am letzten Tag fand nur noch ein thematischer Input statt, wobei es auch hier mehrere Optionen gab; ich entschied mich für den Workshop von Robert Kläsener von der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (AKSB e. V.), in welcher er gemeinsam mit uns die Unterschiede zwischen politischer Bildung und Demokratiebildung erörterte. Danach kamen wir alle ein letztes Mal zusammen und stellten unsere jeweiligen Netzwerke in den Feldern Bildung, Nachhaltigkeit, Demokratie und Sonstiges vor, mit dem Ziel, unsere Kräfte in Zukunft bündeln zu können. In der abschließenden Reflexions- und Feedbackrunde wurde deutlich, wie viele Eindrücke und neue Motivation wir alle aus der Tagung mit nach Hause nehmen würden.

Die Fachtagung hatte sich das Ziel gesetzt, neue Sichtweisen zu eröffnen und neue Formen des Miteinanders und der Verständigung zu erproben. Während die verschiedenen Austauschformate dies förderten, wurde doch ein Mangel deutlich: Die einzigen Perspektiven aus dem Globalen Süden1 waren im einleitenden Interviewzusammenschnitt zu hören. Dabei wurde schon in diesen kurzen Ausschnitten deutlich, welche wichtigen Erkenntnisse für Gemeinschaft und Zusammenleben, Nachhaltigkeit und Klimaschutz aus marginalisierten Communities kommen. Wie der Beitrag von Heimatwurzeln aufzeigte, stammte die Mehrzahl der Teilnehmenden aus einer ähnlichen „Bubble“: Außerhalb der Diskussion, die Julian Franz‘ Präsentation auslöste, war wenig Dissonanz zu spüren. Dabei kommen transformative Ideen, wie wir sie heute brauchen, gerade dann zustande, wenn wir altbekannte Wege verlassen und Menschen zuhören, deren Stimmen wir meist ausblenden.

Nach Jahrhunderten der systematischen Unterdrückung und Zerstörung wächst im Kontext des Klimaschutzes und der Klimawandelanpassung seit einiger Zeit ein neues Bewusstsein für den Wert des traditionellen Wissens Indigener Völker. Um nicht koloniale Ausbeutung nun in Form der Aneignung diesen Wissens fortzuführen, ist es unverzichtbar, dass wir in Austausch auf Augenhöhe treten und indigene Klimaakteur:innen selbst zu Wort kommen. Indigene Völker spüren oft als Erste die Auswirkungen der Klimakrise, obwohl sie verhältnismäßig wenig dazu beitragen. Im Zuge von Klimaschutzmaßnahmen wie der Einrichtung von Naturschutzgebieten werden ihre Rechte oft erneut übergangen. Indigene Rechte und indigenes Wissen sind, wie INFOE immer wieder zeigt, für die Klimagerechtigkeit hoch relevante Themen, für die ich mir in der Tagung einen Platz gewünscht hätte.

1 in Bezug auf die Referent:innen