Im Rahmen unserer Kooperation mit dem Ethnologischen Institut der Universität zu Köln durften wir am 17. Juni im Seminar von Prof. Dr. Michael Bollig zum Thema “Indigeneity and the fight for territories, sovereignty, and knowledge” Samante Anne, eine Führungspersönlichkeit der indigenen Maasai-Gemeinschaft aus Südkenia, begrüßen. Im Rahmen des Seminars, in dem sich die Studierenden mit Fragen zu Nachhaltigkeit und den Auswirkungen von Umweltveränderungen auf indigene Lebensweisen auseinandersetzen, gewährte sie den Studierenden eindrucksvolle Einblicke in die Herausforderungen, mit denen die Pastoralisten-Gemeinschaften der Maasai konfrontiert sind. Sie berichtete außerdem über ihre eigene aktivistische Arbeit und ihr Engagement im Rahmen der internationalen Verhandlungen zum Klimarahmenabkommen.

®Lena Galley und Samante
Samante ist Leiterin für Programme und Partnerschaften bei der Mainyoito Pastoralists Integrated Development Organization (MPIDO) und National Coordinator of the Indigenous Peoples National Steering Committee on Climate Change. Ihr Vortrag entwickelte sich schnell zu einem regen Austausch mit den Studierenden und war weit mehr als eine klassische Präsentation. Zu Beginn erläuterte sie ihre persönliche Perspektive darauf, was „indigen“ bedeutet: Menschen, die ihre Identität, Kultur und ihren Lebensraum bewahren und pflegen. Menschen, die Natur nicht als Besitz verstehen, sondern als einen Lebensraum, den sie mit Respekt behandeln und für kommende Generationen erhalten möchten. Grundlage hierfür ist über Generationen weitergegebenes Wissen, das auf langjährigen Erfahrungen und einem engen Verhältnis zur Umwelt beruht. Diese enge Beziehung zwischen Mensch, Tier und Umwelt bildet auch einen zentralen Ausgangspunkt des Outdoor-Moduls zum Pastoralismus, das dazu anregt, pastorale Gemeinschaften und die ökologischen sowie kulturellen Zusammenhänge durch eigene Beobachtungen und Exkursionen zu erkunden.
Im weiteren Verlauf berichtete Samante von den vielfältigen Herausforderungen, denen die Maasai Pastoralist*innen heute gegenüberstehen. Sie sprach über Nationalparks und sogenannte Schutzgebiete, die häufig auf traditionellem Maasai-Land eingerichtet werden und den Gemeinschaften wichtige Lebensräume entziehen. Aus ihrer Sicht dient ein Teil dieser Gebiete letztlich stärker wirtschaftlichen Interessen, etwa der Trophäenjagd oder dem Tourismus, als dem tatsächlichen Schutz von Natur und Artenvielfalt.
Darüber hinaus schilderte sie die Auswirkungen von Rohstoffabbauprojekten. Immer wieder würden indigene Gemeinschaften dazu gedrängt oder finanziell entschädigt werden, ihre Heimat zu verlassen, damit auf ihrem Land beispielsweise Kohle abgebaut werden könne. Auch der Ausbau erneuerbarer Energien sei nicht frei von Konflikten. So würden Wind- oder Solaranlagen teilweise auf traditionellem Maasai-Gebiet errichtet, wodurch wertvolle Flächen verloren gingen. Gleichzeitig profitierten viele der betroffenen Dörfer selbst kaum von der erzeugten Energie, da diese vor allem in urbane Zentren geleitet werde.
Etwa 70 Prozent der Landfläche Kenias werden von pastoralistisch lebenden Gemeinschaften bewohnt oder genutzt. Damit machen sie einen bedeutenden Teil der Bevölkerung und der kulturellen Vielfalt des Landes aus. Für Samante ist es daher entscheidend, Widerstand gegen Entwicklungen zu leisten, die sowohl natürliche Lebensräume als auch die Lebensgrundlagen der Menschen gefährden. Eine zentrale Rolle spielen dabei indigene Wissenssysteme sowie politische und rechtliche Rahmenbedingungen, die die Mobilität pastoralistischer Gemeinschaften sichern.
Besonders eindrücklich war ihre Botschaft, dass kein Wissen minderwertig sei. Indigenes Wissen basiert auf jahrzehnte- und generationenlangen Erfahrungen und kann wertvolle Beiträge zur Bewältigung heutiger Herausforderungen leisten. Gleichzeitig schließt es andere wissenschaftliche Erkenntnisse keineswegs aus. Vielmehr, so Samante, können beide Wissensformen voneinander profitieren und sich sinnvoll ergänzen. Die eigentliche Gefahr bestehe nicht darin, zu viel Wissen zu besitzen, sondern darin, Wissen zu verlieren oder es ohne Zustimmung der Gemeinschaften auszunutzen.
Eine der größten Herausforderungen für indigene Bewegungen sieht sie deshalb in der Weitergabe und Bewahrung indigenen Wissens. Viele Kenntnisse werden mündlich überliefert und sind eng mit indigenen Sprachen verbunden. Gehen diese Sprachen verloren, droht auch wertvolles Wissen zu verschwinden. Gleichzeitig stellt die Digitalisierung indigene Gemeinschaften vor neue Fragen: Sobald Erfahrungen, Praktiken oder Erzählungen öffentlich dokumentiert und online zugänglich gemacht werden, können sie einerseits zur Bildung und Sensibilisierung beitragen, andererseits aber auch von Dritten vereinnahmt oder kommerziell ausnutzt werden.
Zum Abschluss betonte Samante die Notwendigkeit, indigene Perspektiven stärker in politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einzubeziehen – nicht nur in Kenia, sondern weltweit. In vielen indigenen Gemeinschaften existiere ein tiefes Wissen darüber, wie Menschen mit der Natur, anstatt gegen sie, leben können. Aus ihrer Sicht können wirksame Antworten auf die Klimakrise nur dann gefunden werden, wenn diesem Wissen mehr Aufmerksamkeit, Respekt und Raum gegeben wird.
Denn, so ihre eindringliche Schlussfolgerung: Nicht die Natur wird am Ende verschwinden – sie wird Wege finden, weiterzubestehen. Die Frage ist vielmehr, ob die Menschheit lernt, verantwortungsvoll mit ihr zu leben und zu überleben.
von Lena Galley

