Ein Jahr lang tauschten sich Jugendliche der Schule von Sarayaku und dem Schadow-Gymnasium in Berlin über wichtige Fragen des Lebens aus. Gemeinsam fragten sie sich: Was sind die Unterschiede zwischen dem Leben im ecuadorianischen Amazonasgebiet und der Metropole Berlin? Was sind die Wünsche der Schülerinnen und Schüler? Welche Hoffnungen und Ängste haben sie im Leben? Diese Fragen sowie die Frage nach dem Begriff der Kollektivität, die während des virtuellen Austauschs mehrfach aufkam, konnten Schüler*innen und Lehrkräfte des Schadow-Gymnasiums bei einer Aulaveranstaltung am 15. Dezember 2025 persönlich mit Katty Gualinga, die aus Sarayaku zu Besuch war, besprechen:
Für uns in Sarayaku ist die Kollektivität unsere Weg, das Sumak Kawsay (Leben in Harmonie) zu suchen. Durch Traditionen wie die Minga (Gemeinschaftsarbeit) oder die Guayusa Upina (Tee-Tradition) entstehen Räume für Austausch und Zusammenarbeit in den Familien und der Gemeinde.
Für uns bezieht sich Gemeinschaft jedoch nicht nur auf die Beziehungen zwischen Menschen. Wir beziehen auch Lebewesen wie Pflanzen, Tiere, Flüsse und Berge in unserem Territorium mit ein. Sie sind ebenso Teil der Gemeinschaft wie wir, die Kichwa von Sarayaku. Dieses Gleichgewicht zwischen allen Lebewesen nennen wir Kawsak Sacha (lebendiger Wald). Auf diese Weise erreichen wir nicht nur ein harmonisches Leben für uns selbst, sondern schützen auch die Umwelt, indem wir bewusst leben, ohne die Natur zu zerstören oder auszubeuten.
Für die Jugendlichen in Berlin schien der Begriff der Kollektivität und des Kollektivs im ersten Moment etwas fremd, als ich sie bei einem Austausch danach fragte. Nach einigem Überlegen kamen die ersten Ideen: Wenn wir im Kollektiv arbeiten, arbeiten wir zusammen an etwas. Wir möchten gemeinsam etwas erreichen.
Im Gespräch mit einem Jugendlichen fielen diesem auch verschiedene Momente ein, in denen man durchaus von Kollektivität sprechen könnte: Ich arbeite in einem gemmeinnützigen Verein, der Schülervertretungen dabei unterstützt, sich zu organisieren und eine gemeinsame Stimme zu bekommen. Da arbeiten wir immer in einem Team aus mehreren Personen. Auch, so weiter, hat es etwas Kollektives, wenn man in einer Fußball-Mannschaft gemeinsam versucht, das andere Team zu schlagen.
Als ich weiter versuchte herauszufinden, ob es auch in Deutschland Kollektivität gibt, habe ich viele verschiedene, ganz andere Ausprägungen von einem Leben in der Gemeinschaft entdecken können. Zum Beispiel gibt es viele Vereine und andere Gruppen, deren Ziel es ist, gemeinsame Ziele für die gesamte Gesellschaft zu erreichen.
Sehr unterschiedlich ist das Leben in der Familie. Während bei uns in Sarayaku die Familie die Grundlage der Kollektivität und des Zusammenlebens ist, verbringen viele Jugendliche in Deutschland den ganzen Tag in der Schule und im Sportclub, und wenn sie nach Hause kommen, machen sie Hausaufgaben oder spielen am Computer. Gleichzeitig habe ich aber auch bemerkt, dass in Deutschland an Weihnachten alle zusammen sind, gemeinsam Essen, Spielen und sich unterhalten. Diese Zeit verbringen alle zusammen, kollektiv.
Ein großer Unterschied zwischen Berlin und Sarayaku ist die Sicht auf die Natur. Für uns ist sie ein Teil der Gemeinschaft. Ohne die Bäume, Flüsse oder Berge können wir nicht überleben. Deshalb ist unser Handeln immer darauf ausgerichtet, dass es nicht nur uns, sondern allem Leben in unserer Umgebung gut geht. In Berlin gibt es wenig Platz für die Natur, und die meiste Zeit verbringen die Menschen drinnen, ob zu Hause, in der Schule, im Auto oder in der Bahn.
Ich glaube, Kollektivität ist etwas, was überall unterschiedlich aussehen kann. Aber nicht nur in Sarayaku, sondern auch in Berlin, ist Kollektivität ein wichtiger Baustein, um ein Leben in Harmonie mit sich und den anderen zu erreichen.